Bodo Meier   -   Wildlife Art

Bodo Meier - Geschichten
Begegnung im Busch


Im Juni und Juli des vergangenen Jahres besuchte ich mehrere Wochen die Nationalparks und Naturschutzgebiete Tansanias, um dort zu malen und zu fotografieren. Eine Einladung der GTZ, der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, brachte mich in den Norden des Selous, wo ich die Wildhüter von Kidai bei ihrer Arbeit begleiten durfte.
Versehen mit der notwendigen Ausrüstung für einen längeren Aufenthalt im Busch, mit einem Koch und den notwendigen Papieren, unterzeichnet von Mr. Benson Kibonde, dem Chef der Selous-Verwaltung, hatte ich mein Zelt auf dem Gebiet der kleinen, aber wunderschönen Sand Rivers Selous Lodge bezogen. Mein Zelt lag auf der Uferböschung oberhalb des Rufuiji-Flusses, umgeben von dichtem Gesträuch, das mit seinen Zweigen die wasserüberspülten Riffs und Sandschwellen in Ufernähe überspannte.
 

Kibambawe


Vom Fluss her kommen vertraute Geräusche - das glucksende, gurgelnde Murmeln des Wassers, das sich über dem Geklippe flacher Felsplatten, in den weißen Gerippen umgestürzter Bäume und im dichten Filz aus Zweigen und angeschwemmten Klötzen unterhalb meines Zeltes bricht, dann Platschen, Prusten dröhnendes Basslachen. In der kurzen Phase der Dämmerung, wenn das erste Licht, ein perlblasses Licht, durch die Zweige der Terminalien und Pterocarpus-Bäumen vor dem Zelt quillt und das Gespinst düsterer Formen auflöst, wenn die vielfältigen Geräusche des Tages erwachen, kehren die Flusspferde von ihrem nächtlichen Landgang ins Wasser zurück. Durch das Gebüsch öffnet sich der Blick auf den weiten Strom mit den weißen Streifen der Sandbänke und den dunklen Streifen des Trockenwaldes. Auf den weitläufigen Sandplatten stehen Morgen für Morgen Wasserböcke. Im Geäst der Büsche turnen die schwarzen, starengroße Drogons und eine Graubülbül hockt sich neben mir auf die Zeltbespannung.
 

Wasserboecke


John, der Manager der Sand Rivers Lodge, hat mir zugesagt, mich mit dem Boot zum Außenposten der Wildhütern von Kidai zu bringen. Kidai Post liegt eine halbe Stunde Bootsfahrt flussaufwärts.
 

Hippos_Rufiji_Selous


Der Außenbordmotor bringt Unruhe. Reiher und Kronenkiebitze fliegen erschrocken auf und wie weiße Flocken werden sie davongetragen. Auf den flachen Sandbänken und auf den hohen Uferwällen inmitten des Verhacks ausgebleichter Stämme kommen Krokodile hoch und lassen ihre messingblanken Leiber rasch ins Wasser gleiten.
 

Krokodile


Die Morgensonne entzündet den Himmel zu Kupferglanz. Licht und Dunst schwimmen über der glatten Oberfläche des Wassers, aus der allenthalben die bulligen Köpfe neugieriger Flusspferde auftauchen. Die schwarzen Äste der Uferbäume zerkratzen den leuchtenden Himmel. Dahinter erheben sich mächtige Waldrücken und sonnen sich im frühen Licht: M'tundusi Hill, Tagalala Hill.
 

Rufiji_morning

Hier an den Ufern des Rufiji und seiner wasserreichen Nebenflüsse im Süden Tansanias hat sich eine Landschaft von unvergleichlichem Reiz gebildet, eine Landschaft mit der spröden Schwermut und Einsamkeit des Miombo: das Ökosystem des Selous, das größte Wildschutzgebiet Afrikas, in seiner Fläche größer als die Schweiz oder Dänemark. Dieses abgeschiedene, menschenleere, aber tierreiche Gebiet gewährt einen einmaligen Einblick in das alte Afrika, wie es Livingstone und F.C. Selous gesehen haben müssen und wie es der deutsche Tiermaler Wilhelm Kuhnert kurz nach der Jahrhundertwende gemalt hat.
Da nur wenige und noch dazu schlechte Straßen in den Selous führen, war ich mit Flugzeug von Sansibar gekommen.
Im Norden des Selous gibt es einige Lodges für eine begrenzte Anzahl von Touristen. Sie liegen entlang des Rufiji, dessen schlammig-braunes Wasser sich mal seeartig erweitert, mal durch schmale Schluchten gepresst wird und je nach seinem Verlauf und Wasserstand ein unentwirrbares Muster von Sandbänken und Rinnsalen modelliert. Während die Flussauen und Überschwemmungsgebiete, die Altwässer und taschenartigen Seen durch Galeriewälder und Borassuspalmsäume geprägt sind, bedeckt lichter Miombo, der Trockenwald Tansanias, die Bergrücken. Der Miombo wechselt sich ab mit weiten Grassavannen mit lockerem Bestand an Julbernardien, Terminalien, Sansibar-Flötenakazien und buschigen Doum- und Dattelpalmen.

 

Sundown_at_the_Rufiji

Den schönsten Eindruck von dieser Landschaft gewinnt man, wenn man sich mit dem Boot flussabwärts treiben lässt. Im verbleichenden Licht des Abends stehen Büffel, Elefanten oder Elenantilopen am Ufersaum und vom luftigen Ansitz einer entlaubten Borassuspalme kommt der Schrei des Seeadlers und wird über die weiten Wasser davongetragen.

Nyassa_gnus

1987 wurde das deutsch-tansanischen Selous Conservation Programme(SCP) vom Ministerium für Naturschutz und Tourismus unter der massive Unterstützung durch die GTZ ins Leben gerufen. Zu den Aufgaben dieses Projekts gehören die Ausbildung und Ausrüstung der Wildhüter, ihre Ausstattung mit Booten, Fahrzeugen, Funkgeräten und Uniformen. Eine zweite wichtige Aufgabe liegt darin, die am Rande des Reservats lebende Bevölkerung für die Erhaltung der Wildbestände zugewinnen. Sie erhalten kontrollierte Jagdquoten für die Eigenversorgung und einen Ausgleich für die hohen Schäden, die durch Wildtiere verursacht werden.

Elephant_Selous

Im Gegensatz zu anderen Reservaten kann der Selous 50% seiner Einnahmen behalten, aber für besonders aufwendige Projekte, wie z.B. den Schutz der Nashörner, ist der Selous neben den regulären Einkünften auf Spendengelder angewiesen.
Die Elefantenbestände haben sich wieder erholt, nachdem die Regierung Tansanias Ende der 80ziger Jahre rigoros gegen Elfenbeinwilderei vorgegangen ist. 1989 waren die Bestände von einst 120.000 auf weniger als 30.000 geschrumpft. Heute leben wieder rund 60.000 Elefanten im Selous und an dieser Erfolgsgeschichte hat die deutsche Entwicklungshilfe einen wichtigen Anteil.
Ganz schlecht aber sieht es um den Erhalt des Spitzmaulnashorns aus. In Tansania gibt es neben den wenigen Tieren im Ngorongoro-Krater und in der Serengeti nur noch im Selous einige von ihnen, und es scheint fraglich, ob in Folge der stark ausgedünnten Bestandsdichte die Art erhalten werden kann.
Die Wildhüter von Kidai-Post, die ich einige Tage bei ihrer Arbeit begleiten darf, gehören zu dem sogenannten Nashorn-Projekt, das den Schutz und die Überwachung der letzten Nashörner zur Aufgabe hat.
Aber im Unterschied zum Ngorongoro-Krater, ist hier eine unmittelbare Kontrolle sehr viel schwieriger, weil das Gebiet riesig ist, unwegsam und unübersichtlich. Halbwegs brauchbare Straßen sind nicht vorhanden. Wo ein Auto ein- oder zweimal seine Räder ins Gras gedrückt hat, gibt es die Andeutung eines Pfades. Ansonsten sind die einzigen Wege die Wechsel und Pfade der Tiere. Außerdem ist die Tätigkeit der Wildhüter nicht ganz ungefährlich, denn die skrupellosen Wilderer haben viel weniger zu verlieren, wohl aber mehr zu gewinnen, wenn sie ein Nashorn töten können.
Kidai liegt auf einem Felsvorsprung hoch über dem Fluss unterhalb von Stiegler's Gorge, einer tiefen Schlucht, in der das Wasser des Rufiji wie in einem Flaschenhals zusammengepresst wird. Von hier oben hat man einen prächtigen Ausblick zu beiden Seiten des Kliffs auf den schimmernden Fluss und über das endlose graugrüne Waldland mit den fernen Hügeln, die im zarten blauen Licht den Horizont nach allen Richtungen hin begrenzen.
Auf dieser Felsnase stehen einige aus groben Feldsteinen errichtete und mit Palmzweigen gedeckte Hütten inmitten goldblühender Cassiasträucher und im Schatten eines mächtigen Affenbrotbaumes und hoch aufragender Tamarinden. Für die 10 bis 12 Wildhüter, die hier ihren Dienst versehen, gibt es ein Mannschaftslogis, einen Funkraum sowie einen überdachten Versammlungsort und einen Waschraum. Zwei Hütten befinden sich im Bau. Bereits am ersten Tag als ich hier war, zeigte man mir sehr stolz einige schon etwas ältere und recht unscharfe Fotos von Spitzmaulnashörnern. Seitdem hatte man die Nashörner nicht mehr gesehen.

Cassia_singueana_Selous

Wir wollen heute wieder versuchen, eindeutige Hinweise auf die Anwesenheit der Tiere zu bekommen. Ich begleite Saydi, den Chef von Kidai, Mr. Saydi, wie er von seinen Leuten respektvoll genannt wird, sowie Maca und Luca. Außerdem kommt noch Crispian, mein Koch und Begleiter mit.

ZebraSelous

Wir fahren ein paar Kilometer mit dem alten, weißen Chevrolet-Pritschenwagen durch die Wildnis. Die Fahrt ist mühselig und anstrengend; schneller als Schritttempo zu fahren, ist nicht möglich, dabei werden wir regelrecht durchgeschüttelt, wenn der Wagen mit ächzenden Federn auf- und abtanzt. Irgendwo in der Steppe verlassen wir den Wagen und gehen zu Fuß weiter.

Gnus

Die Steppe ist leer und heiß. Dicke Steinknubbel liegen unter dem hohen Gras verborgen und erschweren das Wandern. Wie könnte ich wohl, so frage ich mich, eine Schlange in diesem grässlichen Verhack von Steinen und Schlingpflanzen entdecken. Wenige Tage zuvor hatten wir zwei Grüne Mambas aufgeschreckt und eine von ihnen war dicht an meinem Fuß über eine Felsplatte gehuscht. "Koboko", hatte Luca zwar erschrocken gerufen, aber seine Warnung kam reichlich spät, es war eher eine Bestätigung dessen, was wir gesehen hatten.

My_friends_of_Kidai_Post_Selous

Die Ranger steuern in diesem Gewirr von Gras und Dornsträuchern die Stellen an, die Hinweise auf die Anwesenheit von Nashörnern geben könnten.

Baobab02

Schlammbecken und Suhlen, Wasserlöcher, Buschdickichte und Dunghaufen. Die Schlammsuhlen sind meist von einem filigranen Netz von Rissen überzogen und nur wo ausreichend Baumschatten vorhanden ist, bleibt ein kümmerlicher Rest von Feuchtigkeit. Einmal bin ich in einen solchen schwarzledrigen Pfuhl hineineingetreten, dort, wo die Sonne noch nicht den letzten Rest von Wasser weggekocht hat und versinke bis über meine Stiefel in dem zähen, moorigen Brei. "Black Cotton" nennt und fürchtet man es hier.
Anstelle eines Nashorns entdecken wir ein Flusspferd in einer der dicht bewachsenen Suhlen. Wir sehen die Silhouette des mächtigen und kantigen Kopf durch das Gezweig vor dem hellen Hintergrund und taten gut daran, ihm nicht zu nahe zu kommen. Flusspferde gelten als gefährlicher als Büffel und Löwen. Es ist ohnehin seltsam, dass dieses Wassertier Meilen vom Fluss entfernt ist.
Spuren gibt es genug: Zebras, Büffel, Gnus, Giraffen, Löwen, Hyänen zumeist, aber keine Nashörner. Die Gemeinschaftsdunghaufen sind alt und strohig und lange nicht mehr benutzt. Die Wildhüter sind enttäuscht und ratlos. Seit Wochen haben sie keine eindeutigen Spuren der Nashörner mehr gesehen.

Impalas

Im Selous sind die Tiere wachsam und scheu.

Buffaloes_in_the_miombo_Selous

Manchmal sehen wir Kuhreiher von Büffelrücken auffliegen und hören dann die Herde davon poltern und nichts ist sichtbar als die Bewegung im hohen Gras und die in der Sonne schimmernden Hörner. Zwischen den hellen Stämmen der Julbernardien ragen weit entfernt die hoch aufgeschossenen Hälse von Giraffen über der goldgelben Steppe auf.

Giraffes_Arusha

Schon gleich zu Beginn unserer Wanderung heute finden wir auf einer nur mit spärlichem Gras bedeckten Sandfläche unterhalb des Tagalala-Hügels die Reste eines vor wenigen Stunden gerissenen Impalabockes. Die Knochen sind sauber abgenagt, aber noch hellrot von frischem Blut. Saydi hockt vor dem toten Tier und den Spuren, die sich deutlich in der weichen Erde abzeichnen: "Mbwa mwitu", also Wildhunde, Hyänenhunde. Wahrscheinlich sind es die Tiere des Rudel, die ich wenige Tage zuvor am Tagalala-See beobachten konnte.

African_Wilddogs

Im fortschreitenden Tag wird die Hitze immer unerträglicher. Die harten Spelzen der sonnendurchglühten Gräser setzen sich in den oberen Rand meiner Socken und scheuern beim Laufen meine Fußgelenke wund.
Wir gehen im Gänsemarsch, der ruhige und besonnene Saydi an der Spitze. Unentwegt begleitet uns das rhythmische Geplärre der Lachtauben und durch das sperrige Geäst der blühenden Flötenakazien rieselt der glucksende Gesang des Weißbrauenkuckucks, der wegen seines Rufes auch Flaschenvogel genannt wird.

Es ist gegen Mittag und die Steppe kocht in der Hitze. Schon auf dem Rückweg, müssen wir eines dieser mit dichtem Combretum-Gebüsch und Brachystegien bestandenen Wasserlöcher durchqueren. Es bildet ein Art natürliche Vertiefung, zwei bis drei Meter unterhalb der Bodenfläche. Ein von Tieren ausgetretener Pfad führt in das Dickicht hinein.

Tiny_bee_eater_Selous

Es hat etwas Unheimliches unter der Oberfläche eintöniger Schläfrigkeit, das mich besorgt macht. Saydi, der gerade die Höhle aus Ranken und Blättergewirr betreten hat, bleibt regungslos stehen. Ich sehe ihn unter mir, seine dunkle Gestalt, mit der einen Hand das Gewehr in Richtung des gegenüberliegenden Ausgangs zeigend, den Finger der anderen Hand auf den Mund. Ein leichter Lufthauch, der Laub und Zweige in Bewegung bringt, lässt Lichtpunkte auf Saydis schwarzer Haut und der froschgrünen Uniform tanzen. Dann winkt er mich herunter und legt noch einmal bedeutungsvoll den Zeigefinger auf seine Lippen.
Unten angekommen sehe ich, seiner Kopfbewegung folgend, einen Kaffernbüffel im Dickicht am gegenüberliegenden Rand, sehe auch, anhand der Eintrübung der rechten Pupille, dass er wenigstens auf einem Auge blind ist; so nahe bin ich ihm. Diese Nähe ist erschreckend, die Gefahr unmittelbar. Das Tier ist alt mit breitem und flachem, aber schartigem Helm und tiefgeschwungenem "Curl", anzuschauen wie ein drohender Unhold, ein furchterregendes Bronzebild, ein Einzelgänger, missmutig und böse, wohl selbst furchtsam, aber verschlagen. Der Wind kommt von ihm, er kann uns also nicht wittern, aber das dreimalige Klicken meiner Kamera hat ihn unruhig gemacht. Die Nüstern sind weit geöffnet, und die lappig fransigen Ohren zucken hin und her, sind wie Antennen in unsere Richtung gedreht, als wollten sie das Dunkel seiner Sinne durchdringen und die unsichtbare Bedrohung erfühlen. Saydi, der der Meinung ist, wir hätten uns genug der Gefahr ausgesetzt, zupft mich am Ärmel und zieht mich sanft zurück. Oben bei den Gefährten angelangt, lädt Saydi das Gewehr laut krachend durch, wohl weil die Lichtung, auf der wir stehen, einen gewissen Schutz bildet, vor allem, weil mit dem harten, metallischen Klacken dem Büffel unsere Wehrhaftigkeit vor Ohren geführt werden soll. Ein solches Geräusch kann eine ganze Büffelherde zu panischer Flucht bringen, nicht einen alten Einzelgänger in seinem Einstand. Luca meint, der Büffel sei verschwunden, aber nicht davongelaufen. Ich schaue nach hinten, glaube das Knacken von Ästen, das warnende Grunzen zu hören, das dem explosionsartigen Hervorbrechen eines solchen schwarzen Unholdes vorauszugehen pflegt. Aber es bleibt still, und wir steigen, meine Begleiter mit entsicherten Gewehren, durch den Gebüschtunnel hinab und am anderen Ende wieder in offene, sonnige Steppe hinauf. Wir beeilen uns, laufen wohl auch ein wenig. Als ich mich nach einigen Minuten umschaue, liegt der dicke Gebüschklumpen weit hinter uns, still und düster. Den Büffel sehen wir nicht mehr

Text von Bodo Meier

The_half_blind_buffalo_Selous